Ungesehen, ungehört

Immer wieder begegne ich Menschen, die sich von ihrem Umfeld ungesehen oder ungehört fühlen. Manchmal handelt es sich dabei um Angehörige von Minderheiten, die sich von ihren Mitmenschen nicht wahrgenommen oder nicht verstanden fühlen. Dann wieder höre ich Ähnliches von Menschen, die in Ostdeutschland leben. Oder es sind Frauen, die in traditionell von Männern geprägten Zusammenhängen den Eindruck haben, letztlich nicht ernst genommen zu werden.

Wann immer Menschen übersehen werden und ihre Stimmen nicht gehört werden, weil andere lauter, energischer, bestimmender sind, geschieht Unrecht. Und gerade Christenmenschen ist es geboten, andere nicht bewusst oder unbewusst mundtot zu machen, sondern hinzuhören, was andere zu sagen haben und auf sie als Menschen zu achten.

Gleichzeitig leben wir in Strukturen und Wahrnehmungsmustern, in die wir hineingewachsen sind und die unsere Sichtweisen prägen. Da sind wir manchmal selbst blind dafür zu erkennen, wofür wir blind oder taub sind: wen wir nicht oder nur unzureichend wahrnehmen oder wessen Stimme wir überhören. Immer wieder erkenne ich, wie ich in dieser Hinsicht auch schuldig werde und Menschen nicht angemessen zuhöre und oder sie nicht richtig ›sehe‹.

Umso wichtiger ist es, Menschen wahrzunehmen, die uns begegnen. Denn mit dem Wahrnehmen beginnt die Nächstenliebe. Umso wertvoller ist es, auch auf die Stimmen zu hören, die mir fremd sind. Dafür braucht es aber immer wieder auch das horizonterweiternde Wirken des Heiligen Geistes.

In biblischen Zeiten waren die »Witwen« so eine typische Personengruppe, deren Anliegen man überhörte und übersah. Sie hatten keine Rechte, keinen Mann mehr, der ihre Interessen für sie hätte durchsetzen können. Also konnte man sie ruhig reden lassen, ohne wirklich hinzuhören oder sich für sie einzusetzen. Und auch die Kirche ist nicht gefeit davor: Es ist bemerkenswert, dass einer der ersten Konflikte in der Geschichte der christlichen Kirche dadurch entsteht, dass die Witwen einer ethnischen Minderheit sich übersehen und überhört und in der Versorgung übergangen fühlen. (Apostelgeschichte 6,1).

Damals erkannte die erste christliche Gemeinde (nicht zufällig nach Pfingsten, als der Heilige Geist ausgegossen worden war), dass das nicht in Ordnung ist und Abhilfe geschaffen werden muss. Die Überhörten und Übersehenen sollen angemessen wahrgenommen und versorgt werden. Denn auch von Gott selbst heißt es:

»Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre.« (Psalm 146,9, Lutheribibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft)

Christoph Barnbrock


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