Der eigene Tod oder der Tod von lieben Menschen ist für viele Menschen (auch für solche, die sonst mit Religion wenig am Hut haben) ein Anlass nachzudenken: Gibt es wirklich nur dieses Leben? Ist der Tod ein endgültiger Abschied? Werde ich ihn oder sie noch einmal wiedersehen?
Dabei lässt sich Spannendes beobachten. Dieselben Menschen, die sonst erklären, dass es nicht vernünftig ist an Gott zu glauben, gehen wie selbstverständlich davon aus, dass sie verstorbene Freunde oder Verwandte irgendwie irgendwo wiedersehen. So ganz ohne den Gedanken eines »da oben«, von wo die vermissten Menschen dann runtergucken, kommen sie dann auch nicht aus – obwohl sich das ebenso wenig naturwissenschaftlich, vernünftig oder sonst irgendwie beweisen lässt wie den Glauben daran, dass es Gott gibt oder Jesus Christus auferstanden ist.
Dabei geht es mir gar nicht darum, hier womöglich hämisch einen Selbstwiderspruch aufzuzeigen (wer hat schon nichts Widersprüchliches in sich?). Vielmehr entdecke ich, dass – jetzt einmal aus meiner Perspektive formuliert – Gott ganz offensichtlich eine unglaubliche Sehnsucht nach einem Leben nach dem Tod in uns Menschen hineingelegt hat, dass selbst unsere sonst weitgehend glaubensvergessene Zeit nicht ohne sie auskommt.
Ein sehr bewegendes Beispiel für dieses Suchen nach Worten für dieses Leben, was da kommt, ist dieses neue Lied von Johannes Oerding und Michael Patrick Kelly:
Ganz unterschiedliche Bilder werden da aufgerufen. Auf der einen Seite traditionellere (und – jedenfalls zum Teil – biblische): »Himmel«, »ewiges Licht«, »ein Paradies«, »ein Königreich / wofür sich all der Stress hier unten lohnt«, aber auch andere, eigene: »vielleicht sind wir ein leiser Ton im Lied von irgendwem«. Und in alldem die Hoffnung: »Ich werd’s erst wissen, wenn es soweit ist / und ich dich dann hoffentlich wieder treff’«.
Den Ort findet diese Hoffnung in diesem Lied am Himmel mit seinen Wolken: »Ich weiß bis heut nicht, warum’s Wolken gibt / und wer hat sie da oben für uns hingehängt? / Woraus sie sind, das ist mir doch egal / Ich weiß nur, sie erinnern mich an dich, jedes Mal«.
Der unendlich scheinende Himmel mit seinen Wolken wird hier zum Ort, an dem zwar die Frage nach Gott nicht beantwortet wird (»wer hat sie da oben für uns hingehängt?«). Und auch auf andere Fragen gibt es keine Antwort (»Ich weiß bis heut nicht, warum’s Wolken gibt«). Und doch ist das überwältigende Naturerleben durchlässig auf eine Dimension hin, die wir so einfach mit unseren Sinnen nicht fassen können – ich würde sagen: auf Gott hin.
Vielleicht geht das im Raum der deutschen Sprache, die nicht wie das Englische zwischen Sky (dem meteorologischen Himmel) und Heaven (dem religiösen Himmel) unterschiedet. So lässt sich doppeldeutig sagen: Das Staunen über den Himmel öffnet den Blick für den Himmel!
Abraham übrigens hätte das Lied wahrscheinlich »Sterne« genannt und vielleicht so getextet: »Ich weiß bis heut nicht, warum’s Sterne gibt / wie hast du sie oben für uns hingehängt? / Woraus sie sind, das ist mir doch egal / ich weiß nur, sie erinnern mich an dich, jedes Mal.«
Der HERR sprach zu Abra(ha)m: »Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein! Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.« (1. Mose 15,5f., Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Christoph Barnbrock
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