Zu den bewegendsten politischen Momenten, an die ich mich erinnern kann, gehört die Rede des damaligen Außenministers der Bundesrepublik Deutschland, Hans-Dietrich Genscher, auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag. Tausende Bürgerinnen und Bürger der DDR hatten sich dorthin geflüchtet, in der Hoffnung, so in den Westen ausreisen zu können. Ob und wie das möglich sein würde, war allerdings keineswegs ausgemachte Sache, sondern stand auf Messers Schneide.
Am 30. September 1989 trat dann Genscher auf den Balkon der deutschen Botschaft und wandte sich an diejenigen, die gedrängt im Garten ausharrten:
»Liebe Landsleute,
wir sind zu Ihnen gekommen,
um Ihnen mitzuteilen,
dass heute Ihre Ausreise
(Tausendfacher Aufschrei und Jubel)
… möglich geworden ist.«
(Zitiert nach https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Botschaft_Prag | 11.3.2026)
Worte, die zum Inbegriff der Befreiung werden. Wege, die bis dahin verstellt waren, wurden frei. Der Wunsch, ein autoritäres System hinter sich zu lassen, ging in Erfüllung.
Manchmal muss ich an dieses Ereignis denken, wenn ich in der Beichte die Worte der Sündenvergebung höre: »Dir sind deine Sünden vergeben«, wie sie Jesus auch einem Gelähmten einmal zuspricht: »Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.« (Markus 2,4, Lutherübersetzung 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Auch diese Worte verändern alles. Wege zu Gott und zu einem Leben mit Gott werden aufs Neue frei. Und ich kann das »System Sünde«, das Schlechte in meinem Leben, das, was mich und mein Leben vor und mit Gott belastet, tatsächlich komplett hinter mir lassen.
Angesichts dessen wäre es nur zu verständlich, wenn die letzten Worte des Vergebungszuspruchs – wie damals in Prag – auch einmal im Jubel derer, die da zusammengekommen sind, untergehen würden.
Christoph Barnbrock
Entdecke mehr von Team Gott
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
