Lügen, um jemand anderen vermeintlich zu schützen, ist ein verbreitetes Phänomen. Wie naheliegend das auf der einen Seite und wie wenig zielführend das auf der anderen Seite ist, lässt sich in Robert Menasses Novelle »Die Lebensentscheidung« mit verfolgen. Um es kurz zu skizzieren: Der Protagonist, Franz, denkt über einen vorzeitigen Wechsel in den Ruhestand nach, als er eine Krebsdiagnose erhält, die ihm nur noch wenige Monate an Lebenszeit lässt. Sein Problem: Seine Mutter, der er sich aus guten Gründen sehr verbunden fühlt, lebt noch 89-jährig, und er will ihr unbedingt den Schmerz ersparen, dass ihr Sohn vor ihr stirbt. So weit, so nachvollziehbar.

Nun beginnt allerdings ein großes Theaterspiel. Franz versucht die Krankheit vor seiner Mutter zu verbergen und lügt ihr eine heile Welt vor. Die Mutter auf der anderen Seite allerdings bekommt – so erfahre ich als Leser im Rückblick – relativ schnell raus, wie es um den Sohn steht. Aber auch sie lässt sich nichts anmerken. Und so spielen sie sich in den letzten Tagen ihres gemeinsamen Lebens gegenseitig etwas vor und nehmen sich die Gelegenheit, aufrichtig miteinander umzugehen, voneinander Abschied zu nehmen und zu trauern.

Was hier im Buch etwas überspitzt dargestellt ist, findet sich allerdings immer wieder auch im »echten Leben«. Ausgesprochen verbreitet ist das Bemühen, sich oder eben eine unbequeme Wahrheit anderen nicht zumuten zu wollen und selbst geliebten und vertrauten Menschen etwas vorzulügen. Dass dies tatsächlich oder vermeintlich »in oder aus Liebe« geschieht, macht die Sache normalerweise nicht wirklich besser.

Auch wenn es Ausnahmen geben mag, die ein solches Verhalten rechtfertigen könnten, ist es im Normalfall letztlich ein übergriffiges Verhalten eines Menschen gegenüber einem anderen. Ich entscheide darüber, was gut für den oder die andere ist. Ich bin derjenige, der festlegt, ob und wie und wem ich die Realität zumuten kann. Und wie oft geht es – wie im Beispiel der Novelle – faktisch schief!

Es lässt sich erkennen, dass in der Aufrichtigkeit ein großer Wert liegt. (Und Aufrichtigkeit wiederum ist etwas anderes, als jemandem vermeintliche Wahrheiten lieblos um die Ohren zu hauen, etwa: »Du bist halt doof!«). Aber Aufrichtigkeit ermöglicht tatsächlich ein gutes, ehrliches und partnerschaftliches Miteinander. Wenn ich mich nicht hinter einer Lüge verstecke, gebe ich dem anderen Gelegenheit zur Begegnung, zur Reaktion, ja vielleicht manchmal auch zu schmerzhafter Trauer – die aber zum Leben eben auch dazugehört. Kein Wunder also, dass unser Lügen Gottes Willen widerspricht.

Wir können aufrichtig miteinander umgehen, weil wir uns auch trotz der Schattenseiten unseres Lebens von Gott angenommen und geliebt wissen – und weil wir gewiss sein können, dass er auch den Menschen in unserer Umgebung die Kraft gibt, mit dem, was wir ihnen manchmal zumuten müssen, umzugehen.

»Halte fern von mir den Weg der Lüge und gib mir in Gnaden dein Gesetz.« (Psalm 119,29, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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