Wenn man wie ich in einem 120 Jahre alten Haus auf dem Land wohnt, hat man eigentlich immer etwas zu werkeln, zu reparieren und zu renovieren. Schon lange waren mir da die mehr schlecht als recht lackierten Türen ein Dorn im Auge. Sie waren nicht mehr schön anzusehen, der Lack war hier und da schon abgeplatzt, die Kanten abgegriffen, Scharniere und Klingen rostig.

Und so machte ich mich – seinerzeit in einem Corona-Lockdown – an die Arbeit, die erste unserer alten Zimmertüren zu restaurieren: mit Stemmeisen und Spachtel, mit Heißluftpistole und Schleifmaschine – und mit viel Geduld und Kraft. Schicht um Schicht konnte ich den hartnäckigen Lack abtragen und nach und nach das echte, alte Holz freilegen.

Das tat in dieser schwierigen Zeit richtig gut, hat mir wirklich Spaß gemacht und über das Ergebnis freue ich mich heute noch. Und ja, die Sauerei im Hof war groß!

Irgendwie hatte diese Arbeit auch etwas Sinnbildliches. Oft verbergen wir unser wahres Gesicht, verstecken unsere Schwächen, zeigen aber auch nicht unbedingt unsere Stärken, wir unterdrücken unsere Gefühle und haben schnell ein »alles gut« auf den Lippen. So sind wir nicht immer wir selbst, sondern spielen etwas vor, schlüpfen in eine Rolle, mimen jemand, der wir gerne wären. Oder wir meinen, so sein zu müssen, wie andere es von uns erwarten.

Unter den Lackschichten meiner Tür kam wunderbares Holz zum Vorschein. Ja, es hat einige Macken und der Holzwurm hat in den Jahren auch seine Spuren hinterlassen. Aber jetzt, wo der Lack ab ist, gleicht diese Tür nicht mehr den anderen 20 Türen im Haus. Sondern jetzt zeigt sich ihr echtes Gesicht, ihr wahrer Charakter, ihre tatsächliche Schönheit. Und sie erzählt ihre eigene Geschichte.

Und du? Trau dich, du selbst zu sein! Steh dazu, wie du bist, was du denkst, wo du herkommst, was dich bewegt. Lass dich nicht verbiegen und in Rollen drängen, die du gar nicht spielen willst! Gott hat mit dir ein Original erschaffen. Vielleicht ist es an der Zeit, die Lackschichten abzutragen und das »Holz, aus dem du gemacht bist«, wieder freizulegen!

Mittlerweile habe ich noch andere Türen, ja sogar die ganze Holztreppe vom alten Lack befreit. Sauarbeit. Sauerei. Aber wunderbar, individuell, einzigartig!

»Gott, ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin.« (Psalm 139,14, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft)

Christoph Baumann


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