Ein Leben ganz ohne Gefühle wäre vielleicht ein unkomplizierteres Leben – aber ein Leben, das so unglaublich viel ärmer wäre. Gefühle gehören zum Leben dazu und machen an vielen Punkten gerade das aus, was wir am Leben lieben. Das angespannte Mitfiebern, die Aufregung, wenn wir einen Wettkampf verfolgen etwa. Die Liebe und das Verliebtsein. Die Angst, auf die wir meistens gut verzichten könnten, die aber zumindest im Kern doch auch einen guten Sinn hat, uns vor Gefahren zu bewahren – auch wenn sie sich manchmal und bei manchen besonders stark verselbstständigt und sich aufbläht, wo sie eigentlich keinen Platz hat. Und dann natürlich auch die Erleichterung, wenn die Gefahr vorbei ist und alles noch einmal gut gegangen ist. Die kindliche Freude über einen wunderschönen Tag im Urlaub. Und die Trauer, wenn wir einen Menschen vermissen, der immer da war und nicht fehlen darf.
In den kirchlichen Verhältnissen, in denen ich aufgewachsen bin, spielten Gefühle mit Blick auf den Glauben an Gott keine große Rolle. Das ist in anderen Kirchen und Gemeinschaften anders, wo Menschen unbefangener davon reden, was sie in ihrem Glauben gespürt haben und welche Gefühle sich bei ihnen im Glauben einstellen.
Den Impuls, den ich aus meinem kirchlichen Großwerden mitgenommen habe, ist, dass es nicht sinnvoll ist, den Glauben auf meine eigenen Gefühle zu bauen. Zu schwankend und unsicher, manchmal auch verzerrt sind meine Gefühle. Da würde ich meines Glaubens nicht mehr froh und nicht mehr gewiss werden, wenn ich sie zum Fundament meines Gottvertrauens machen würde.
Aber zu entdecken, dass meine Gefühle und mein Glauben keine zwei verschiedenen Planeten sind, zwischen denen Funkstille herrscht – das will ich doch immer wieder neu lernen. Meine Liebe, meine Angst, meine Scham, meine Freude, meine Erleichterung und meine Trauer – all das gehört zu meinem Menschsein dazu, ist von Gott in mich hineingelegt und hat auch im Leben vor ihm seinen Platz. Ich darf bewusst wahrnehmen, muss weder die positiven noch die negativen Gefühle unterdrücken oder wegdrücken. Sondern für all diese Gefühle gibt es auch Worte, mit denen ich mit Gott im Gespräch sein kann: Im Lob, im Dank, im Flehen, in der Klage, in der Bitte um Vergebung.
Gefühle und Glauben, Gefühle und Gott – all das passt zusammen, weil Leben und Glauben, weil Leben und Gott jeweils zusammenpassen.
»Ich traue aber darauf, dass du so gnädig bist; / mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst. Ich will dem HERRN singen, dass er so wohl an mir tut.« (Psalm 13,6, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Christoph Barnbrock
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