Die (zarteste) Versuchung

Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört dieser Werbespot für Schokolade:

Wie das oft bei Musik, Filmen oder eben auch Werbespots aus längst vergangenen Zeiten ist, gibt es reichlich Grund zum Schmunzeln und/oder Kopfschütteln. Das beginnt schon bei der lila Kuh, die da durchs Bild stapft. Mindestens etwas befremdlich wirkt in Zeiten, in denen die Sensibilität für sexuelle Grenzüberschreitung gewachsen ist, das Setting mit dem Mädchen und dem Jungen. Der Junge lockt das Mädchen zu sich, erwartet von ihr einen Kuss, den sie ihm verweigert. Sie nimmt sich stattdessen seine Schokolade. Und dafür ›erlaubt‹ er sich am Ende, ihr einen Kuss zu geben. Und darüber liegt die Werbezeile »Milka, die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt«.

Nun haben »Schokolade« und »Versuchung« in einem theologischen Sinn erst einmal gar nichts miteinander zu tun. Es wäre schön, wenn die Versuchungen, um die es etwa im Vaterunser geht, so harmlos wären, wie dass wir uns einen Bissen Schokolade gönnen. In einem übertragenen Sinn zeigt dann aber dieser Werbespot doch etwas von dem, was Versuchung im biblischen Sinn meint: nämlich dass ich der Versuchung erliege, allein meine eigenen Interessen in den Mittelpunkt zu stellen und nicht mehr auf den/die andere(n) (oder über den Werbespot hinausgehend: auf Gott) zu achten, sie nicht ernst zu nehmen. Wie der Junge sich in dem Spot dem Mädchen gegenüber verhält, ist meines Erachtens nicht okay, sondern übergriffig.

Bei der Erzählung von der Versuchung Jesu heißt es: »Schließlich ging der Teufel mit [Jesus] auf einen sehr hohen Berg, zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Herrlichkeit und sagte: ›Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.‹« (Matthäus 4,8f., Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Hier wird deutlich: die Versuchung besteht im Kern darin, dass der Mensch den Eindruck bekommt, über alle anderen herrschen zu können, über alles bestimmen zu dürfen, auf niemanden mehr achten zu müssen. Und manch ein Despot unserer Tage kommt diesem vermeintlichen Wunschbild ja auch recht nahe. Das aber lässt sich nach diesen Worten aus dem Matthäusevangelium nicht mit einem Vertrauensverhältnis zu Gott übereinbringen, sondern fordert letztlich die Anbetung der Macht des Bösen.

Mit Gott zu leben heißt dagegen: Von ihm alles Gute erwarten und empfangen – und es mir deswegen nicht selbst unter den Nagel reißen müssen. So kann ich dann auch die Grenzen, die mir gesetzt sind, akzeptieren (oder zumindest akzeptieren lernen) und dem anderen so respektvoll begegnen, dass ich mir nicht von ihm nehme, was mir nicht zusteht oder was ihn verletzt. Mit dem Vertrauen auf Gott entgehe ich der Versuchung, sein zu wollen wie Gott.

Und was am Ende noch gut ist: Im Vertrauen auf Gott darf ich sogar guten Gewissens einen Riegel (oder wenn es sein muss – und manchmal muss es sein: eine Tafel) Schokolade vertilgen.

Christoph Barnbrock


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