Zu den Urängsten vieler Menschen, die sich zum Beispiel auch in Alpträumen zeigen, gehört das Zuspätkommen. Zu spät zum Bahnhof kommen – und der Zug ist gerade abgefahren. Zu spät zum Bewerbungsgespräch kommen – und deswegen wird’s mit dem Job nichts. Zu spät …
Was sich in solchen Akutsituationen mit reichlich Adrenalinausschüttung und rasendem Puls erleben lässt, zeigt sich in anderen Zusammenhängen im Leben weniger dramatisch und doch bisweilen nicht weniger schmerzhaft.
Da habe ich es immer vor mir hergeschoben, meinen großen Lebenstraum zu realisieren, weil ja später immer noch Zeit dafür ist – und jetzt muss ich feststellen: es ist zu spät. Nun lassen es meine Gesundheit, meine Kraft oder meine finanziellen Möglichkeiten nicht mehr zu. Oder ich muss Abschied von einem Menschen nehmen, der gestorben ist, und denke: Eigentlich hätte ich dieses oder jenes gerne noch mit ihm oder ihr besprochen. Aber jetzt ist es zu spät dafür.
Dieses »Zu spät« geht uns oft auch deswegen so sehr an die Nieren, weil es so etwas Endgültiges hat. Chance verpasst – und sie kommt nie wieder.
In diesem Zusammenhang ist mir die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus sehr lieb. Wir würden heute sagen, dass er mit seinen Schwestern Maria und Marta zum engeren Freundeskreis von Jesus gehörte. Und Lazarus ist krank – offenbar schwerstkrank. Und die beiden Schwestern informieren Jesus über die dramatische Situation. Jesus aber – so hat es jedenfalls dein Anschein – trödelt. Statt sofort aufzubrechen und zu helfen, bleibt er noch ein paar Tage dort, wo er ist – ohne dass erkennbar wäre, dass er da noch dringende Angelegenheiten zu regeln hätte.
Und dann kommt es, wie es kommen musste: Als Jesus endlich eintrifft, ist Lazarus gestorben. Zu spät. Ganz offensichtlich. Und versteckt unter einem Bekenntnis zu Jesu Macht lässt sich in den wortgleichen Anreden der Schwestern an Jesus auch ein Vorwurf entdecken: »Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.« (Johannes 11,21+32, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft). Hätte, hätte, wäre, wäre … Ist aber nicht. Zu spät.
Die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus ist nun eine Geschichte davon, wie Jesus Christus die Macht des »Zu spät« bricht. Wo alles zu spät zu sein scheint, ist es nicht zu spät, weil sich mit ihm neue Wege, eine neue Zukunft, ein neues Leben eröffnen, die wir nicht bzw. noch nicht sehen können. Und damit verliert das »Zu spät« seinen Schrecken und seine Macht. Zu spät vielleicht für den Moment, aber nicht für immer. Mit Jesus Christus geht immer noch was.
Jesus Christus spricht: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.« (Johannes 11,25f.).
Christoph Barnbrock
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