Es passiert so schnell. Da liegt mein Handy an der Tischkante. Ich gehe einen Hauch zu nah dran vorbei, touchiere es und – zack – macht es den Abgang. Mit einem Knall kommt es auf dem Boden auf. Und schon während ich es aufhebe, ahne ich Schlimmes: Das Display ist hin. Auf der ehemals glatten Bildschirmoberfläche zeigen sich lauter Risse, die es wie ein Spinnennetz überziehen.
Und in dem Moment, in dem ich das Handy anstelle, nehme ich wahr: Es bliebt nicht bei den paar Sprüngen im Display, sondern insgesamt ist es in Mitleidenschaft gezogen. Die Farben werden nicht mehr ganz angemessen dargestellt. Ja, Schrift kann ich noch halbwegs lesen, aber auch nur so halbwegs – und in Teilen des Bildschirms besser als in anderen.
Eigentlich müsste jetzt ein neues Handy her – möglichst schnell. Aber wahrscheinlich steht jetzt gerade das Wochenende vor der Tür (wenn einem so etwas passiert, ist eigentlich immer Wochenende) und selbst die primigsten Ein-Tages-Lieferungen brauchen ein paar Tage. Davon, dass ich das Geld erst einmal beieinander haben müsste, ganz abgesehen. Es dauert also – und so lange muss ich noch damit leben, dass ich auf meinem Handy manches nur verzerrt wahrnehme. Naja, besser als gar nicht.
Der Apostel Paulus ruft ein ähnliches Bild auf, wenn er schreibt: »Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.« (1. Korinther 13,12, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Das Große und Ganze des Glaubens erschließt sich uns heute noch nicht ›in Ultra-HD‹, sodass wir auf alle Fragen eine Antwort hätten und alles glasklar vor uns läge. Sondern wir schauen gewissermaßen auf ein Handy mit reichlich Sprüngen. Es reicht, um das Wesentliche zu entdecken, aber vieles bleibt auch unklar, verzerrt und schwer lesbar. (»Warum, Gott, warum ….?«).
Doch zweierlei nehme ich als tröstliche Gedanken für mich mit. Zum einen: das wird nicht immer so bleiben. Wie nach einem Handyunfall ein neues Handy (oder eine Handyreparatur) Abhilfe schafft, gehen wir auf eine Zeit zu, in der wir wieder klar werden sehen können und sich Dinge anders erschließen werden, als sie es heute tun. Und zum anderen: So sehr mein Blick auf Gottes Plan auch verzerrt und undeutlich sein mag, so klar ist doch Gottes Blick auf mich. Er sieht mich, er hat mich erkannt. Und in biblischer Redeweise meint »erkannt« nicht bloß einen kognitiven Vorgang, sondern hat immer auch mit Liebe zu tun. Also wird am Ende daraus: Ich werde Gott noch einmal ganz neu liebevoll wahrnehmen können, wie er mich längst schon mit dem Blick Jesu liebevoll wahrnimmt. Ein bisschen muss ich noch warten – es ist wohl gerade »Wochenende«.
Christoph Barnbrock
Entdecke mehr von Team Gott
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
