Reden – und Hören?

Ich erinnere mich daran, dass es mir in einer bestimmten Phase meines Lebens nicht sonderlich leicht gefallen ist, ein (freies) Gebet zu sprechen – und zwar, weil ich das Gefühl hatte, dass ich ins Leere hineinrede. Wenn wir uns unterhalten, dann gehört ja im Normalfall immer beides dazu: Das Reden und das Hören. Und es kann manchmal ganz schön nervig sein, wenn man etwa in einer Freundschaft immer derjenige oder diejenige ist, der/die sich beim anderen meldet, und von der anderen Seite kommt nie etwas zurück.

Ist das so im Gebet? – Es scheint so zu sein. Wenn ich etwa Gott bitte, mir bei einer anstehenden Entscheidung zur richtigen Wahl zu helfen, dann habe ich es jedenfalls noch nicht erlebt, dass sich über mir der Himmel öffnet und eine Stimme von oben erklingt: »Mach das so. Das ist die richtige Entscheidung.« Ist das Gebet dann also doch nur eine Einbahnstraße? Für mich kann ich sagen: nein. Denn ich habe dann irgendwann anderes entdeckt.

Zum einen habe ich Menschen als Sprachrohre Gottes wertschätzen gelernt. Wenn ich glaube, dass Gott mir das »tägliche Brot« schenkt, dann warte ich ja auch nicht darauf, dass es vom Himmel direkt auf unseren Esszimmertisch fällt, sondern ich gehe zum Bäcker und kaufe eins (und weiß trotzdem: es ist nicht selbstverständlich, sondern eine Gabe Gottes, die er mir durch die Dienste der Bäckersleute zukommen lässt). Und so sind es eben oft auch Menschen, deren Rat ich es verdanke, dass ich zum Beispiel Klarheit mit Blick auf eine Entscheidung gewinne – und ich kann darin je länger je mehr Gottes Reden und Handeln entdecken. Wenn ich um Gottes Wegweisung für eine Entscheidung bitte, kann es durchaus sein, dass Gott mir indirekt durch die WhatsApp einer Freundin oder ein Gespräch mit einem Bekannten antwortet.

Zum anderen ist mir deutlicher geworden, dass Beten und Bibellesen zusammengehören. In der Bibel meldet sich Gott ja zu Wort. Nun wird es im Normalfall nicht so sein, dass ich bete, die Bibel aufschlage und genau da nun einen Vers finde, der mein Anliegen aufnimmt oder die passende Antwort auf mein Gebetsanliegen darstellt. Aber mit dem regelmäßigen Bibellesen entsteht um mich herum doch ein unsichtbarer Raum von Gottesworten, mit denen und in deren Mitte ich lebe: Worte, die ich vor langer Zeit einmal gehört und gelesen habe, fallen mir dann zur passenden Gelegenheit wieder ein. Wenn ich über ein Problem nachdenke, dann scheint aus Gottes Wort, das ich höre oder lese – manchmal auch um die Ecke gedacht – ein ganz neues Licht auf das, was mich umtreibt. Vielleicht nicht gleich sofort, sondern morgen oder übermorgen oder in einem Monat. Wie bei der Unterhaltung mit einem anderen Menschen braucht es manchmal Zeit und Geduld, bis ich den anderen wirklich verstehe.

Ja, unser Beten ist nicht einfach in einen leeren Raum hineingesprochen. Und Gott hört nicht nur, sondern er redet auch zu uns: in seinem Wort in der Bibel, durch Menschen um uns herum und manchmal auch noch ganz anders.

»Da kam der HERR und trat herzu und rief wie vorher: Samuel, Samuel! Und Samuel sprach: Rede, denn dein Knecht hört.« (1. Samuel 3,10, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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