Kann noch nicht weg

Wenn eine Tasse kaputt geht, sie einen Sprung hat oder am Rand eine Macke hat, dann ist das naheliegendste, sie einfach in den Müll zu entsorgen. Oft fällt mir das auch nicht schwer. Allerdings gibt es einzelne Tassen, bei denen das dann doch nicht so gut geht – weil sie zum Beispiel die ideale Größe zum Abmessen haben oder weil sie als Erinnerungsstücke unersetzlich sind. Wenn diese eine Tasse weg wäre, würde auch die Erinnerung verblassen.

Es gibt auch im Reden von Gott Wörter, die einen »Riss« oder einen »Sprung« bekommen haben. Der Begriff »Sünde« gehört zu denen, die in vielerlei Hinsicht in unserem Sprachgebrauch »kaputt« sind. Da wird in der Werbung von »Sünde« geredet, um Interesse für ein Produkt zu wecken. Es ist von der »Verkehrssünderkartei« in Flensburg die Rede, wo die Punkte für Fehlverhalten im Straßenverkehr verzeichnet werden. Gerne wird »Sünde« dann vor allem auch in sexuellen Zusammenhängen benutzt. Und bisweilen ist Menschen auch in der Kirche mit der Rede von »Sünde« Angst gemacht worden. Am Ende trifft nichts davon im Kern das, was der Begriff »Sünde« im Kern meint.

Es gäbe also viele gute Gründe, diesen Begriff wie eine kaputte Tasse einfach in den Müll zu entsorgen. Der ist »kaputt« – ich kauf mir lieber einen neuen! Allerdings ist es bei diesem Wort wie mit besonderen Tassen im Schrank, die nicht so einfach durch andere ersetzbar sind. Irgendwie brauche ich den Begriff, damit mir nicht Wichtiges verloren geht. Er lässt sich eben nicht einfach durch andere Begriffe ersetzen.

»Sünde« beschreibt die Realität des Lebens aller Menschen, dass das Leben nicht einfach nur gut ist. Wir nehmen es wahr, dass das Leben gebrochen ist. Und ob wir’s wollen oder nicht: das Leben bringt manches an Lasten mit und endet am Ende tödlich. Vom christlichen Glauben her lassen sich darin Zeichen der grundsätzlichen Gottentfremdung, eben »Sünde«, wahrnehmen. Gott meint es gut mit mir – und ich kann’s doch nicht glauben. Und weil ich’s nicht glauben kann, fange ich an, in Hektik oder Lethargie zu verfallen – und die Ergebnisse sind allzu oft frustrierend. Und das ist nichts, was ich so einfach kitten könnte, oder was ich, wenn ich mich ordentlich anstrenge, in den Griff bekäme. Und das ist auch nichts, worüber ich mit Blick auf den einen oder die andere die Nase rümpfen könnte: Ahh, das ist ein »Sünder« oder eine »Sünderin«. Quatsch, wir sitzen da alle in einem Boot.

Dabei dient das Festhalten an diesem »kaputten« Begriff »Sünde« nicht dazu, Menschen zu beschämen oder sie dazu zu ermuntern, sich doch bitte zu optimieren (damit das mit der »Sünde« nicht mehr vorkommt). Sondern das Festhalten an diesem Wort dient dazu, eine Realität, in der wir leben und zu der wir beitragen, nüchtern anzuerkennen. Und gleichzeitig nehme ich dankbar wahr: Der Begriff »Sünde« mag kaputt sein. Aber die Sache (die »Sünde«) ist repariert. Darum hat sich Jesus Christus gekümmert. Mit ihm beginnt in der Gebrochenheit meines Lebens etwas Neues. Seine Liebe und Gnade ist die neue Realität, die mein Leben bestimmt. Und ja, irgendwann wird die Zeit kommen, wenn wir das Wort »Sünde« tatsächlich in den Müll entsorgen können, wenn Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schenkt und die Realität der »Sünde« endgültig ein Ende haben wird. Bis dahin belasse ich diesen Begriff aber noch in meinem Wortschatz. Auch als Erinnerung daran, wie sehr ich auf Jesus Christus angewiesen bin und wie sehr er mich liebt. Und damit ich das Neue, was mit Christus begonnen hat, von dem Alten unterscheiden kann, was mich immer wieder einmal packt.

»Denn die Sünde wird nicht herrschen über euch, weil ihr ja nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.« (Römer 6,14, Lutherübersetzung 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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