Wie Menschen Sprachen lernen, ist über die Jahrzehnte und Jahrhunderte – trotz technischer Hilfsmittel – im Wesentlichen gleich geblieben. Ich höre, was andere sagen, versuche zu verstehen und nachzusprechen. Das gilt für meine eigene Muttersprache, die ich als kleines Kind dadurch gelernt habe, dass ich meinen Eltern und großen Geschwistern nachgeplappert habe. Und das gilt noch für das Lernen auf »Duolingo« und vergleichbaren Sprachlernapps, bei denen es auch darum geht, das, was ich in der App höre, nachzusprechen.
Wenn ich darüber nachdenke, wie ich die Sprache des Gebets lerne, dann passiert das auch nicht groß anders. Unabhängig davon, ob ich lieber »frei« oder mit »geprägten« Worten bete, habe ich die Sprache des Gebets von anderen gelernt. Die allermeisten Tischgebete, die ich spreche, habe ich mir nicht selbst ausgedacht, sondern von anderen übernommen. Und selbst wenn ich »frei« bete, habe ich das in der Weise gelernt, dass ich mir andere zum Vorbild genommen habe, bei denen ich das das erste Mal erlebt habe, dass Menschen so gebetet haben.
Wie so oft im Leben, halte ich auch hier übrigens nichts davon freie gegen geprägte Gebete auszuspielen. Was ist besser, was ist »richtiger«? Beides hat seinen Platz. Ich bin dankbar für Gesangbuchverse und Psalmworte, die mir nachts in den Sinn kommen, wenn nicht schlafen kann. Und ich halte es genauso für ein Privileg, Gott im Gebet ganz konkret und im Detail das anzuvertrauen, was mir persönlich auf dem Herzen liegt.
Dabei nehme ich es als eine Bereicherung wahr, immer wieder auch einmal einen »Sprachkurs« des Gebets zu »belegen«, indem ich etwa die Psalmen mit- und nachspreche und staune, wie offen, ungeschützt und leidenschaftlich Menschen dort beten. Oder ich mache mir Gebetsworte anderer zu eigen, denen es in besonderer Weise gelingt, das eigene Seelenleben so in Worte zu fassen, dass es mir leichter fällt, es Gott anzubefehlen.
Eine Autorin, deren Worte ich für mich häufig gut nachbeten kann, ist Antje Sabine Naegeli. In einem ihrer Gebete heißt es zum Beispiel: »Mein Gott, / ich weiß nicht, / wie dein Geist zu mir kommen soll, / wenn die Schwermut / alle Türen / mit eisernen Riegeln verschließt. […] Einst kamst du zu den Deinen / durch verschlossene Türen. / Komm auch zu mir. / Zerbrich meine Ketten.« (Sabine Naegeli, Du hast mein Dunkel geteilt. Gebete an unerträglichen Tagen, Freiburg/Basel/Wien ³1984, 14f.).
»Als [Jesus] aufgehört hatte [zu beten], sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.« (Lukas 11,1, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Christoph Barnbrock
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