Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Grenzen – zumindest anscheinend – an Bedeutung verloren haben. Ich habe als Jugendlicher den Fall der Berliner Mauer miterlebt. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir bei Urlaubsfahrten im innereuropäischen Ausland unsere Pässe vorzeigen mussten. Aber längst ist das zur Ausnahme geworden. Normalerweise lassen sich Grenzen in Europa passieren, ohne dass man es richtig mitbekommt. Ich nehme das als eine Bereicherung wahr.
Andererseits ist auch zu beobachten, dass Grenzen in der jüngeren Vergangenheit wieder hochgezogen werden. Gerade die Außengrenzen der Europäischen Union werden immer unüberwindlicher. Die Liedermacherin Dota Kehr hat darüber schon vor Jahren ein Lied geschrieben:
Dabei beklagt sie die Grenzen zwischen Ländern und zwischen Religionen. Sie empfindet es als katastrophal, dass so viele Menschen im Mittelmeer ertrunken sind – bei dem Versuch, ein Land der Europäischen Union zu erreichen. Und sie wünscht sich »einen Pass, wo Erdenbewohner drinsteht«. Eine Welt ganz ohne Grenzen – das wäre es doch!
Gleichzeitig deutet Dota Kehr in ihrem Lied selbst schon an, dass andere das Ganze womöglich doch als »naiv« wahrnehmen könnten. Eine Welt ganz ohne Grenzen funktioniert wahrscheinlich nicht. Schon wenn Kinder miteinander spielen, sind Grenzsetzungen nötig. Und letztlich kommt auch sie in ihrem Nachdenken über Grenzen nicht ohne Grenzen aus, allerdings: »Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen, aber zwischen den Menschen, nicht aus Stacheldraht soll’n sie sein, sondern aus Respekt. Es gibt Grenzen.«
Am Ende geht es ganz offensichtlich nicht darum, ob es Grenzen gibt, sondern wie diese Grenzen aussehen: Halten sie Menschen in einem Gefängnis wie in der DDR? Sind sie für Menschen, die Hilfe suchen, undurchlässig? Oder dienen sie dazu, dass Leben möglich ist?
Das Bild davon, dass Grenzsetzungen letztlich dem Leben dienen sollen, findet sich auch im 104. Psalm. Hier ist von der Grenze die Rede, die Gott den Chaosfluten gesetzt hat, damit Leben auf der Erde überhaupt erst möglich wird:
»Sie [= die Wasser] stiegen hoch empor auf die Berge und sanken herunter in die Täler zum Ort, den du ihnen gegründet hast. Du hast eine Grenze gesetzt, darüber kommen sie nicht und dürfen nicht wieder das Erdreich bedecken.« (Psalm 104,8f., Lutherübersetzung 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Christoph Barnbrock
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