Jenseits des Rahmens denken

Das Bild zu diesem Beitrag zeigt ein Wandgemälde mit einer großen Blumenwiese. Ein Detail dieses großen Gemäldes ist durch einen wuchtigen Rahmen hervorgehoben: ein Vogel, der über die Blumenwiese fliegt. Je näher ich mich vor dieses Gemälde stelle bzw. je weiter ich am Computer in dieses Bild hineinzoome, umso größeres Gewicht erhält der Rahmen und das, was in ihm zu sehen ist. Ja ich kann sogar soweit hineinzoomen, dass ich den Eindruck gewinne, dass es nur das Bild im Rahmen gibt und nichts sonst.

In einem Buch, in dem ich seit einiger Zeit lese, nutzt der Autor eine ähnliche Vorstellung, um zu beschreiben, wie sich die Weltsicht von Christinnen und Christen von Menschen unterscheiden kann, die an nichts glauben außer an das, was sie sehen können. Dabei nehmen beide Gruppen durchaus dasselbe wahr. Christen sehen im Rahmen nicht plötzlich eine Katze, während Nichtchristen an dieser Stelle einen Vogel entdecken. Sondern im Rahmen dessen, was empirisch wahrnehmbar ist, erschließt sich die Welt für die einen wie die anderen durchaus in ähnlicher Weise. Alle können, wenn sie denn hinschauen, einen Vogel sehen, der über einer Blumenwiese fliegt.

Der christliche Glaube allerdings sprengt den Rahmen. Er erinnert uns daran, dass der Rahmen, der uns Menschen gesetzt ist, das, was wir empirisch wahrnehmen können und entdecken, nicht das ganze Bild ist. Sondern das ganze Bild der Wirklichkeit, in die Gott uns stellt, ist größer – viel größer. Und der Rahmen, in dem wir unser Leben leben, ist eben nur ein überschaubarer Teil.

Glauben heißt von daher: den Rahmen sprengen. Es bedeutet nicht, dass das, was im Rahmen ist, plötzlich unbedeutend wäre oder die Wahrnehmung dessen, was wir in diesem Rahmen entdecken, falsch wäre. Aber es ist eben doch nur ein Teil des Bildes. Außerhalb des Rahmens dessen, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können, ist noch so viel mehr zu entdecken: Die Blumenwiese ist noch viel größer. Manch eine Blume, die hier wächst, ist im Rahmen gar nicht zu sehen. Und doch hat sie einen Platz im Gesamtbild – und dasselbe gilt für die Bäume am Rand und den Himmel, der sich über diese Wiese wölbt.

Im Glauben sprengen wir den Rahmen, entdecken wir die Blumenwiese, die so viel größer ist als unser menschlicher Horizont. Wir entdecken, dass der Vogel gar nicht eingesperrt ist, sondern zum Flug über die Wiese ansetzt, wir entdecken Blumen, die wir innerhalb des Rahmens noch gar nicht wahrgenommen haben, und gewinnen mit dem Himmel einen Horizont, der weit über unser Leben hinausgeht.

Glauben und so mein Leben in einem größeren Bild wiederfinden, das über den Rahmen des Hier und Jetzt, hinausgeht. Das empfinde ich als eine große Bereicherung.

»Denn in ihm [= Jesus Christus] wurde alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.« (Kolosser 1,16, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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