Uh, Sweet Baby Jesus (Oh, oh),
ich hab‘ gesündigt, komm‘ ich trotzdem in den Himmel? (Yeah)
Ikkimel
Vor ein paar Tagen tauchte der Song »Sweet Baby Jesus« der Berliner Rapperin Ikkimel in meinem Instagram-Feed auf. Ein Influencer kritisierte, dass dieses Lied den christlichen Glauben verhöhnt. Tatsächlich ist die Rapperin Ikkimel für ihre provokanten, feministischen Texte bekannt. Sie rappt über Sex, Drogen und Geld genauso derb wie ihre männlichen Rapperkollegen, nur halt als Frau. Wenn Ikkimel also einen Rapsong über Jesus und den Himmel macht, bedeutet das nichts Gutes …
Beim ersten Hören kam auch in mir Ärger hoch: Geht das nicht zu weit? Allerdings habe ich an dieser Stelle eine kleine, biographische Schwierigkeit. In meinen Teenager-Jahren habe ich gerne Punk-Bands wie Blink 182 oder Greenday gehört. Darum weiß ich, eine gute Provokation eigentlich zu schätzen. Denn auch wenn die Provokation grell und überzeichnet ist, macht sie im besten Fall ein berechtigtes Problem deutlich. Ist das vielleicht auch bei Ikkimel der Fall? Können wir ausgerechnet von ihr etwas über den Glauben lernen?
Tatsächlich finde ich den Refrain von »Sweet Baby Jesus« erstaunlich: »Ich hab‘ gesündigt, komm‘ ich trotzdem in den Himmel?« Wer hätte gedacht, dass eine junge, hippe und erfolgreiche Frau wie Ikkimel sich Gedanken darüber macht, ob sie in den Himmel kommt (selbst, wenn sie diese Frage nur ironisch stellt). Wissenschaftliche Studien zeigen, dass der Glaube an religiöse Vorstellungen wie »Gott«, »Himmel« oder »Leben nach dem Tod« für immer weniger Menschen in Deutschland eine Rolle spielt. Aber bei Ikkimel ist das anders. Sie fragt sich, wie man in den Himmel kommt. Anscheinend hat sie das Gefühl, nicht gut genug für den Himmel zu sein, weil ihr sexpositiv-feministischer Lebensstil nicht zu den klassischen christlichen Werten passt. Damit stellt Ikkimel aber genau die Frage, die auch schon Martin Luther vor 500 Jahren beschäftigt hat: Wie kann ich wissen, dass ich den Himmel komme, wenn ich merke, dass mein Leben nicht den Werten Gottes entspricht?
Ist man erstmal auf dieser Spur, lässt sich noch eine zweite Überraschung entdecken. Denn Ikkimel liefert – bewusst oder unbewusst – die gleiche Lösung mit, auf die auch Martin Luther gestoßen ist. Ihr Rapsong ist eigentlich ein Gebet. Sie spricht mit dem kleinen, süßen Jesuskind (»uh, Sweet Baby Jesus«). Für Luther wurde das Kind in der Krippe an Weihnachten tatsächlich zum Durchbruch, um mit seinen inneren Dämonen klarzukommen. Denn in Jesus kommt Gott selbst in unsere Welt. Er tauscht mit uns den Platz und tut das, was wir nicht schaffen. Er kommt auf die Erde, damit wir in den Himmel kommen. Das war für Luther der Durchbruch: Ich komme nicht in den Himmel, weil ich mich an die Regeln der Bibel halte. Ich komme in den Himmel, weil Jesus mir durch seinen persönlichen Einsatz – sein Leiden und Sterben – den Himmel schenkt. Meine innersten Ängste und Zweifel »sweet little Jesus« anzuvertrauen, ist genau der richtige Weg, um in den Himmel zu kommen.
Hat Ikkimel das so gemeint? Wahrscheinlich nicht. Ihr geht es vermutlich eher darum, die aus ihrer Sicht spießige Sexualmoral der Kirche zu kritisieren. Aber weil sie dabei auf klassische christliche Sprache zurückgreift, versteckt sich in den von ihr gerappten Zeilen tatsächlich die gute Nachricht von Jesus Christus.
Ich würde darum gerne einmal mit Ikkimel über ihr Lied ins Gespräch kommen – besonders die Zeile: »Immer gibt es was zu feiern – mich, ich feier‘ nur mich selber« Hier scheint ihr Idealbild von einem glücklichen Leben durchzuschimmern. Immer Party, immer gut drauf, immer selbstbewusst. Aber ich frag mich, ob das am Ende wirklich ein tolles Leben ist. Brauche ich nicht noch andere Menschen in meinem Leben, damit es mir wirklich gut geht? Muss ich nicht auch Schwäche und Verletzlichkeit zulassen, damit ich andere wirklich an mich heranlassen kann? Für Luther ist die eigentliche Sünde, dass ich mich permanent um mich selbst drehe, bis ich so sehr in mich selbst verkrümmt bin, dass ich für Gott und meine Mitmenschen gar keinen Platz mehr habe.
Könnte es sein, dass der Glaube an »sweet Baby Jesus« da am Ende das viel provokantere und (in Ikkimels Sprache) »geilere« Lebensmodell ist?
»Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er selbst ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.« (1. Johannes 2,1-2, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Simon Volkmar
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